Monday 21. May 2012

Inhalt:

Früherkennung

 

Ein frühes Erkennen von Lese-Rechtschreibschwächen ist sehr wichtig, um betroffenen Kindern frühzeitig zu helfen und langfristige negative Auswirkungen auf Schulerfolg und Psyche zu vermeiden. Eine Lese-Rechtschreibschwäche lässt sich zwar erst im Schulalter diagnostizieren, doch das Auftreten von Risikofaktoren und der Erwerb von relevanten Vorläuferfähigkeiten kann schon vorher beobachtet werden. Möglichkeiten einer frühen Diagnostik werden vorgestellt.

 

 

 

Risikofaktoren:

 

Sprachentwicklungsstörungen stellen einen bedeutenden Risikofaktor dar. Etwa 50 % aller Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen entwickeln im Schulalter typische Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben (Snowling et al. 2001). Dies trifft auch auf Kinder zu, bei denen sich die Sprachentwicklungsstörung schon weitgehend zurückgebildet hat! Wenn die Sprachentwicklungsstörung auch bei Schuleintritt noch besteht, liegt nochmals ein deutlich höheres Risiko für das Entwickeln einer Lese-Rechtschreibschwäche vor (bis zu 90 %, Snowling et al. 2001).

 

Einen zweiten wesentlichen Risikofaktor stellt eine familiäre Häufung von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten dar. Ist schon ein Kind in der Familie betroffen, so ist auch ein weiteres Kind in bis zu  62 % aller Fälle betroffen (Warnke 2001). Ist bei einem der Elternteile eine Lese-Rechtschreibschwäche bekannt, so ist bei 35-40 % der Söhne und bei 18 % der Töchter ebenfalls mit dem Auftreten einer LRS zu rechnen (von Suchodoletz 2005).

 

 

Vorläuferfähigkeiten:

 

Gewisse kognitive Grundfertigkeiten spielen für einen erfolgreichen Erwerb schriftsprachlicher Kompetenzen eine wichtige Rolle. Zu diesen Vorläuferfähigkeiten zählen einerseits die phonologische Bewusstheit und andererseits Aufmerksamkeits- und Gedächtniskomponenten.

 

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Phonologische Bewusstheit (Siehe: Ursachen – Neuropsychologische Ursachen – Phonologische Bewusstheit) bezeichnet Fertigkeiten, die die Analyse, Differenzierung oder Kategorisierung von sprachlichen Lauten erfordern. Bezüglich des Gedächtnis sind vor allem der schnelle Abruf aus dem Langzeitgedächtnis und das phonetische Rekodieren im Kurzzeitgedächtnis wichtige Vorläuferfähigkeiten. Auch die Steuerung der visuellen Aufmerksamkeit spielt eine entscheidende Rolle.

 

 

Frühe Diagnostik:

 

Ein bewährtes Screeninginstrument stellt der BISC (Bielefelder Screening zur Früherkennung von Lese- /Rechtschreibschwierigkeiten) dar. Der BISC enthält Aufgaben zu Bereichen, welche als grundlegend für den Schriftspracherwerb angesehen werden.

Einsetzbar ist er im letzten Kindergartenjahr. Überprüft werden im BISC die Leistungsbereiche der phonologischen Bewusstheit, der schnelle Abruf der Wörter aus dem Langzeitgedächtnis, das phonologische Rekodieren im Kurzzeitgedächtnis und die visuelle Aufmerksamkeitssteuerung.

 

Die phonologischen Bewusstheit im weiteren Sinn ist dabei durch Aufgaben zum Reimen und Silbensegmentieren erfasst. Die phonologische Bewusstheit im engeren Sinn, welche als eigentliche  Voraussetzung für das lauttreue Schreiben gesehen wird, wird durch Aufgaben zum Laut-zu-Wort (Lautsynthese: „B“ und „us“ wird zu Bus) und dem Subtest zur Lautanalyse „Lauteassoziieren“ (hörst du ein „au“ bei Auto, Lautanalyse) überprüft. Die Abrufgeschwindigkeit aus dem Langzeitgedächtnis wird durch schnelles Benennen von Farben, die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses durch das Pseudowortnachsprechen erfasst.

 

Aktuelle wissenschaftliche Studien betonen aber, dass bei der Erfassung von LRS-Risikokindern andere Risikofaktoren (LRS bei Eltern oder Geschwistern, schwache sprachliche Leistungen,) stärkere Beachtung finden sollten (Marx & Weber 2006, Gasteiger-Klicpera, Klicpera, & Schabmann 2006).

 

Das Heidelberger Auditives Screening in der Einschulungsdiagnostik (HASE, Schöler et al. 2007) ist ein neueres Screening-Verfahren, dass vor allem auditiv-verbale Fertigkeiten überprüft. HASE erreichte dabei ähnlich gute prognostische Werte wie der BISC.

 

Es ist aber wichtig zu betonen, dass mit diesen Screening-Verfahren trotzdem nicht alle Kinder mit einer LRS frühzeitig erkannt werden können, und dass nicht alle Kinder mit einem negativen Ergebnis im Screening später tatsächlich eine LRS entwickeln. Daher sollen jedenfalls alle Kinder, die in einem Screening-Verfahren ein auffälliges Ergebnis erreichen einer differenzierten Entwicklungsdiagnostik unterzogen werden.

Symptomatik: Hat mein Kind/Schüler Legasthenie?

 

Psychosomatischen Beschwerden (Bauch- und Kopfschmerzen vor der Schule) sowie auffälliges Verhalten in der Schule (z.B. ständiges Herumkaspern) können erste Anzeichen einer Legasthenie sein (als sogenannte Begleit-Symptomatik). 
 
Doch wie sieht die spezifische Symptomatik nun im Speziellen aus? Darüber und über Screening-Verfahren (pdf-File, 11,6 KB) für die Schule sollen die folgenden Absätze informieren. Werden Anzeichen einer Legasthenie beobachtet, sollte eine professionelle Diagnostik veranlasst werden.
 

 

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Symptomatik der Rechtschreibstörung:


Am Beginn der Einschulung fällt es den Kindern besonders schwer, die einzelnen Buchstaben zu erlernen, zu unterscheiden und die Verbindung zum jeweiligen Laut herzustellen (mangelhafte Graphem-Phonem-Zuordnung). In dieser Phase können die Kinder nur mangelhaft erkennen, aus welchen Lauten ein Wort besteht. Das führt dazu, dass nur ein Teil der Laute eines Wortes wiedergegeben werden kann oder die Lautfolge falsch wiedergegeben wird.


 

Typische Fehler im frühen Rechtschreiberwerb:

 

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In einem späteren Stadium passiert es dann immer wieder, dass beim Schreiben der Wörter einzelne Buchstaben ausgelassen werden oder ähnlich klingende Buchstaben (d/t, g/k, b/p) verwechselt werden.
 
In einer frühen Phase des Schriftspracherwerbs ist es normal, dass sich Kinder auf die lautgetreue Schreibung verlassen, d.h. dass sie Wörter genau so aufschreiben, wie sie diese hören (alphabetisches Stadium des Rechtschreiberwerbs). Allerdings sollten schon im Laufe des ersten Schuljahres erste orthographische Rechtschreibregeln erlernt werden. Das betrifft z.B. die Schreibung von Endungen wie ‚-el’ in Apfel (eigentlich als ‚Apfl’ ausgesprochen) oder ‚-en’ in essen (eigentlich als ‚essn’ ausgesprochen). Diese orthographischen Regeln (z.B. Dehnung, Verdoppelung, stummes h) spielen für die Rechtschreibung eine entscheidende Rolle. Dementsprechend werden diese Konventionen ab der 2. Klasse Volksschule auch vermehrt geübt.
 

Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche kann es besonders schwer fallen, diese orthographischen Regeln zu erfassen. Typische Fehler in dieser Phase könnten die folgende Form haben:

 

Spiel        =>      Schbil

Blatt       =>       blat

vor        =>       for

Hund       =>      Hunt

bekannt      =>      bekant

 

Kinder mit Lese-/Rechtschreibschwäche neigen dazu, geübte Wörter schnell wieder zu vergessen oder inkonsistent zu schreiben (manchmal richtig und manchmal falsch). Einige Kinder mit Legasthenie haben auch eine schlecht leserliche Schrift. In einem noch späteren Stadium zeigen legasthene Kinder dann vermehrt Regelfehler und Probleme mit der Groß-/Kleinschreibung.  All diese Schwierigkeiten führen dazu, dass es bei ungeübten Diktaten, aber auch beim Abschreiben von der Tafel, zu vielen Fehlern kommt. Das führt häufig dazu, dass die Motivation der Schüler, Wörter oder Texte zu schreiben, stark nachlässt.

 

 

Symptomatik der Lesestörung:

 

Erste Schwierigkeiten können darin bestehen, dass Buchstaben nicht der entsprechende Laut zugeordnet werden kann bzw. die Buchstaben nicht sicher identifiziert werden können. Den betroffenen Kindern fällt es schwer, die einzelnen Laute zu einem Wortklangbild zu verbinden. Häufig kommt es auch zur Umstellung von Buchstaben im Wort oder von Wortteilen. Schon erlernte Wortbilder werden schnell wieder vergessen und die Lesegeschwindigkeit ist im Allgemeinen niedrig.

 

All diese Schwierigkeiten erschweren das Lesen so stark, dass in weiterer Folge auch das Lesesinnverständnis betroffen ist und der Inhalt von Sätzen oder Texten nur unzureichend wiedergegeben werden kann. In einer späteren Phase ist eine Lesestörung durch häufiges Verlesen charakterisiert, was vor allem bei längeren Wörtern auffällig wird. In manchen Fällen ist das Lesen langsam und stockend und von einer monotonen Satzmelodie und mangelnder Sinnentnahme gekennzeichnet.

 

Es gibt jedoch auch Kinder mit Legasthenie, die sehr rasch lesen. Meistens sind dies Kinder, die über ein relativ gutes Lesesinnverständnis verfügen und versuchen, mit Hilfe des Inhalts des Textes die schwierigen Wörter zu erraten.  Kinder mit einer Lesestörung haben weitere charakteristische Probleme: Sie zögern lange beim Lesen, verlieren häufiger die Zeile, lassen Wortendungen oder ganze Wörter aus. Mit der Zeit führen diese Schwierigkeiten zu einer deutlichen Abneigung gegen das Lesen. 

 

Vor allem für den schulischen Bereich gibt es auch eine Reihe von einfach durchführbaren Screening-Verfahren, die dabei helfen können, gefährdete oder betroffene Schüler zu identifizieren. Eine Liste solcher Verfahren finden sie hier.

 

 

Begleit-Symptomatik der Legasthenie:

 

Die Legasthenie-Problematik kann auch das Verhalten der Kinder beeinflussen. Diese Auffälligkeiten reichen von unvollständigen/fehlenden Hausübung über auffälliges Verhalten bis hin zu Traurigkeit und Zurückgezogenheit. Die Kinder entwickeln eine Abneigung gegen Lesen und Schreiben und es kommt häufig zu Konfliktsituationen beim Erledigen der Hausübungen. Die Lese-Rechtschreibschwäche kann auch negative Auswirkungen auf andere Fächer haben, da das Lesen eine wichtige Grundlage für den weiteren Wissenserwerb darstellt. Dies kann sogar soweit führen, dass Kinder mit einer Legasthenie als dumm betrachtet werden, obwohl sie über eine ganz normale allgemeine Begabung verfügen. Es ist verständlich, dass eine derartig schwierige Situation auch zu weiteren psycho-sozialen Problemen führen kann.

Professionelle Diagnostik

 

Um ein Kind mit Lese-Rechtschreibschwäche möglichst gezielt therapeutisch fördern zu können, ist die vorhergehende Durchführung einer umfassenden Diagnostik notwendig.
 
Eine derartige Diagnostik beinhaltet mehrere Komponenten: Im Vordergrund steht dabei natürlich eine differenzierte Beurteilung der Lese- und Rechtschreibkompetenzen des Kindes. Hierzu werden standardisierte Verfahren verwendet, aber auch qualitative Merkmale und das klinische Bild spielen eine entscheidende Rolle. Aber eine Bewertung der Fertigkeiten im Lesen und Schreiben reicht noch lange nicht aus.

 

Um keinen Einflussfaktor zu übersehen, wird deshalb nach einem Mehr-Ebenen-Modell („Multiaxialen Diagnostik“) vorgegangen. Hierbei müssen neben dem Lesen und Schreiben auch die Intelligenz des Kindes, die körperliche Entwicklung sowie das soziale und emotionale Umfeld betrachtet werden, um eine gültige und vor allem umfassende Diagnose stellen zu können.

 

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Bei der Diagnostik einer Lese-Rechtschreibstörung werden also mehre Ebenen klinisch betrachtet. Auf diese Weise sollen Einflussfaktoren kontrolliert und am Ende der Untersuchung bestmögliche Fördervorschläge gegeben werden. 

Um die Multiaxiale Diagnostik gewährleisten zu können, braucht es geschulte Personen und Teams. Mit einem kurzer Computertest oder eine einschrittigen Aufgabe kann eine Lese-Rechtschreibstörung nicht umfassend abgeklärt werden! Grundsätzlich sind in einem Diagnostikteam folgende Berufsgruppen zu finden:

  • Ärzte
  • Psychologen
  • Linguisten
  • Pädagogen


Folgende Einrichtungen bieten eine derartige Diagnostik - Alle Einrichtungen sind vom Landesschulrat OÖ als anerkannt bestätigt worden: 

 

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