Wednesday 8. February 2012

Inhalt:

Begleiterscheinungen und weitere Entwicklungen

 

Bei Kindern mit Legasthenie besteht häufig eine psychosoziale Begleit- und Sekundärsymptomatik, die die Legasthenie-Symptomatik noch weiter verstärkt oder zu Beeinträchtigungen der psycho-sozialen Gesundheit führen kann. Dieses Kapitel informiert sie über folgende Bereiche:

 

 

Begleitsymptomatik 1: AD(H)S

 

Ungefähr 15-25 % aller Kinder mit Legasthenie haben Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeits-Steuerung und/oder in der Impulskontrolle (Schulte-Körne 2004, Holzinger et al 2007). Bei einer besonders starken Ausprägung spricht man in diesem Fall von AD(H)S (Aufmerksamkeits-Defizit (und Hyperkinetische) Störung). Es gibt drei große Problembereiche für Kinder mit ADHS.

 

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Derartige Schwierigkeiten wirken sich negativ auf das Lernen aus und können die Lese-Rechtschreib-Probleme zusätzlich verschärfen. Daher ist das frühzeitige Erkennen einer Störung im Bereich Aufmerksamkeit/Hyperaktivität besonders wichtig.

 

 

 

Sekundärproblematik 1: Emotionale Störungen

 

Unter dem Begriff „emotionale Probleme“ versteht man Auffälligkeiten wie etwa ein niedriges Selbstwertgefühl, Lustlosigkeit, depressive Reaktionen, dissoziale Verhaltensweisen oder Rückzugsverhalten.

Bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche kommt es doppelt so häufig zu emotionalen Schwierigkeiten wie bei anderen Kindern. In einer Studie am Institut für Sinnes- und Sprachneurologie (Holzinger et al 2007) wurde aufgezeigt, dass etwa 40% aller Eltern über emotionale Probleme ihres legasthenen Kindes berichten. Den Beurteilungen von Lehrern zufolge zeigen zudem rund 13 % aller Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche Probleme im Peer-Verhalten, das bedeutet auffälliges Verhalten im Umgang mit Gleichaltrigen.

 

 

Sekundärproblematik 2: Psychosomatische Störungen
 

Der Begriff „psychosomatische Erkrankung“ bezeichnet körperliche Beschwerden, die nicht auf eine organische Ursache zurückgeführt werden können. Häufige psychosomatische Störungen sind Kopfschmerzen (z.B. ausgelöst durch Stress) oder Bauchschmerzen (z.B. ausgelöst durch Angst).

Solche Beschwerden können bei einigen Kinder mit Legasthenie auftreten, besonders wenn Deutsch-Schularbeiten oder Ansagen vor der Tür stehen. Diese Beschwerden können manchmal die ersten Hinweise auf das Bestehen einer Legasthenie sein! Auffällig ist, dass diese Beschwerden in der schulfreien Zeit nicht auftreten.

 

 

Weitere Entwicklung

 

Wie alle Menschen zeigen auch Menschen mit Legasthenie völlig individuelle Entwicklungsverläufe. In mehreren großen, internationalen Studien wurde jedoch nachgewiesen, dass Kinder, die zu Beginn der Einschulung Schwierigkeiten im Lesen und / Schreiben zeigen, nur wenig Chancen haben, diese Schwierigkeiten ohne gezielte Intervention zu überwinden.

In der Wiener Längsschnittuntersuchung (Klicpera & Gasteiger-Klicpera 1993) wurde gezeigt, dass nur ganz wenige Kinder, die am Ende der ersten Klasse noch deutliche Schwierigkeiten im Lesen hatten, diesen Rückstand bis zum Ende der 8. Schulstufe (4.Klasse Hauptschule bzw. 4.Klasse Gymnasium) aufholen konnten. 

 

Die Lese-Rechtschreibschwäche kann auch negative Einflüsse auf die weitere persönliche und sozio-ökonomische Entwicklung haben. Einerseits erreichen Jugendliche mit einer LRS – verglichen mit Jugendlichen mit den gleichen kognitiven Fähigkeiten ohne LRS – weniger häufig einen Gymnasialabschluss. Legastheniker erreichen dementsprechend auch seltener ein Berufsausbildungsniveau, das ihren wahren Fähigkeiten entspricht (Strehlow et al. 1992) und die Arbeitslosenrate ist deutlich erhöht (Esser et al. 2002). Mittlerweile ist das Bewusstsein für Legasthenie als neurobiologische Erkrankung aber schon viel größer geworden. Schüler mit nachgewiesener Lese-Rechtschreib-Schwäche profitieren dabei von einer fairen Leistungsbeurteilung, bei der Noten nicht nur durch die Anzahl der Fehler bestimmt werden (siehe Legasthenie und Schule)

 

Erhöhtes Bewusstsein für das Krankheitsbild der Legasthenie ermöglicht den betroffenen Personen bessere Chancen. Man darf aber nicht vergessen, dass Legasthenie nicht eine vorübergehende Erscheinung des Kindes- und Jugendalter ist, sondern weitreichende Auswirkungen auf die gesamte weitere Entwicklung haben kann. Daher ist die Diagnostik und die gezielte therapeutische Intervention (Förderung) von zentraler Bedeutung.

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