Das Auftreten einer Legasthenie kann nicht auf eine einzige zu Grunde liegende Ursache zurückgeführt werden. Vielmehr können unterschiedliche Faktoren zum Entstehen einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) beitragen:
Eine wichtige Rolle spielen genetische Faktoren und neurobiologische Ursachen (z.B. Störungen der sprachlichen oder der visuellen Wahrnehmung, besondere Hirnfunktionsweisen). Neuropsychologische Ursachen (z.B. Schwächen in der phonologischen Bewusstheit oder im verbalen Kurzzeitgedächtnis) können ebenfalls zum Entstehen einer Legasthenie beitragen. Umwelteinflüsse (wie z.B. die schulische oder die familiäre Situation) haben eine wichtige Bedeutung für die Art und Weise, wie mit einer Lese-Rechtschreibschwäche umgegangen wird.
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Abb. 1 Ursachen für die Entstehung einer Legasthenie (in Anlehnung an Schulte-Körne 2004) |
Genetische Faktoren
Legasthenie tritt oft familiär gehäuft auf. Bei etwa der Hälfe der Kinder mit LRS gibt es noch ein weiteres Familienmitglied, das ebenfalls Legastheniker ist. Das Risiko für ein Geschwisterkind eines legasthenen Kindes ebenfalls eine LRS zu entwickeln, ist um das dreifache erhöht (Warnke 2001).
Genetische Faktoren haben also tatsächlich eine große Bedeutung (Erblichkeitsziffer: 50 %). Man darf aber nicht vergessen, dass auch andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen, denn diese machen immerhin ebenfalls 50 % der Ursachenfaktoren aus (Schulte-Körner 2004).
Neurobiologische Ursachen
Wahrnehmung von sprachlichen Lauten:
Einigen Personen mit Lese-Rechtschreibschwäche fällt es schwer, sprachliche Laute akustisch rasch und fehlerfrei zu erkennen und zu unterscheiden. Diese Schwäche ist in besonderen neuronalen Funktionsweisen begründet: So konnte gezeigt werden, dass sprachliche Reize bei Personen mit Legasthenie in bestimmten Bereichen des Gehirns (akustischer Cortex = Zentrum für auditive Wahrnehmung) weniger Gehirnaktivität erzeugen als bei Personen mit ungestörtem Schriftspracherwerb.
Diese neurobiologisch bedingte Schwäche hat eine große Bedeutung, da gerade das rasche und fehlerfreie Erkennen sprachlicher Laute eine wichtige Voraussetzung für einen ungestörten Erwerb von Lesen und Schreiben darstellt (Phonologische Bewusstheit).
Störungen der visuellen Wahrnehmung:
Legastheniker haben zwar keine allgemeine Beeinträchtigung in der visuellen Wahrnehmung, zeigen jedoch manchmal Schwierigkeiten in der visuellen Wahrnehmung von sprachlichem Material (Buchstaben, Wörter). Auch diesen Schwierigkeiten liegen besondere Funktionsweisen des Gehirns zu Grunde: Neuronale Zentren der visuellen Wahrnehmung werden bei Legasthenikern nicht oder nur verspätet aktiviert (nach Schulte-Körne 2004).
Neuropsychologische Ursachen:
Phonologische Bewusstheit:
Personen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche zeigen häufig Schwächen im Bereich der phonologischen Bewusstheit, d.h. bei der Analyse, Differenzierung oder Kategorisierung von sprachlichen Lauten. Zu diesen Aufgaben zählen unter anderem:
- das Unterteilen eines Wortes in einzelnen Silben (To-ma-te)
- das Erkennen von Reimwörtern (Maus – Laus – Haus)
- Lautsynthese (Was bedeutet /f/ - /isch/ ? - Fisch)
- Lautanalyse (Hört man ein /e/ in Nashorn?)
- Akustische Gliederung (Welche Laute hörst du in „Oma“?)
Dieser phonologischen Verarbeitungsschwäche liegen neuronale Ursachen zu Grunde, das heißt es gibt gewisse Bereiche des Gehirns, die besondere Aktivitätsmuster bei solchen Aufgaben zeigen (Wernicke-Areal, Gyrus Angularis, Broca-Areal). Dies konnte gezeigt werden, in dem die Aktivität des Gehirns mittels Magnet-Resonanz-Tomographie gemessen wurde (Shaywitz 1998). Defizite in der phonologischen Bewusstheit wirken sich besonders schwerwiegend auf den Schriftspracherwerb aus. Deshalb ist ein frühes Erkennen solcher Schwächen (Früherkennung) und gegebenenfalls eine frühzeitige Förderung (Therapie) phonologischer Fähigkeiten besonders wichtig.
Gedächtnis:
Das Arbeitsgedächtnis ist für die Verarbeitung von Informationen verschiedener Art zuständig. Defizite im Arbeitsgedächtnis führen demnach dazu, dass Informationen nicht mehr so effizient verarbeitet werden können.
Bei Legasthenikern zeigen sich häufig Defizite im verbalen Arbeitsgedächtnis, das ist jener Bereich, in dem sprachliche Informationen verarbeitet werden. Zusätzlich hat eine Einschränkung dieser Kapazität auch schlechte Auswirkungen auf das Lesesinn-Verständnis.
Schneller lexikalischer Abruf:
Für das Lesen ist es wichtig, dass zwischen dem geschriebenen Wort auf dem Papier und der lautlichen Wortform eine automatisierte Verbindung etabliert wird, um die Flüssigkeit des Lesens zu gewährleisten. Mit anderen Worten: Ein schneller Abruf der Form aus dem Langzeitgedächtnis ist wichtig. In verschiedenen Untersuchungen (z.B. Mayringer & Wimmer 1999) konnte gezeigt werden, dass legasthene Kinder charakteristische Schwächen in diesem Bereich aufzeigen. Diese können den Erwerb vor allem des Lesens negativ beeinflussen.
Umwelteinflüsse:
Schule:
Der genaue Einfluss von schulischer Erziehung auf Legasthenie ist bisher erst wenig erforscht. Die Art der Beschulung kann aber einen wichtigen Beitrag dazu leisten, wie mit der Lese-Rechtschreibschwäche umgegangen wird.
Aktuelle Forschungsfragen betreffen hierbei vor allem die Art der richtigen Unterrichtsmethode (Ganzwortmethode vs. Buchstabenmethode, Möglichkeiten zu spezieller schulischer Förderung, Einfluss der Persönlichkeit des Lehrers).
Familie:
Das Wichtigste ist: Die Eltern sind nicht an der Legasthenie ihres Kindes schuld. Sie spielen jedoch eine sehr wichtige Rolle für die Art und Weise, wie mit einer Lese-Rechtschreibschwäche umgegangen werden kann.
Das Ausmaß an „positiver Unterstützung und Wärme“ (Klicpera & Gasteiger-Klicpera 1995) spielt eine wichtige Rolle, wobei auch wichtig ist, auf die Initiativen des Kindes positiv zu reagieren, um so einer raschen Frustriertheit des Kindes vorzubeugen. Auch der Einfluss der Eltern auf die schulische Entwicklung der Kinder ist nicht zu unterschätzen: So können die Erwartungen sowie die Einstellung der Eltern den weiteren schulischen Verlauf sowie die Lernmotivation des Kindes stark beeinflussen.
Für betroffene Kinder ist es von großem Vorteil, wenn das schulische Lernen durch die Eltern unterstützt wird. Besonders Kinder im ersten Schuljahr profitieren auch sehr vom Vorlesen von anregenden Büchern.