Thursday 2. September 2010

Inhalt:

Definition

 

Was ist eigentlich eine Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)?

 

Der Begriff Lese-Rechtschreibschwäche (Abkürzung: LRS) bezeichnet eine umschriebene Beeinträchtigung im Erwerb von Lesen und Schreiben. Die Lese-Rechtschreibschwäche stellt somit eine Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten dar.

Das Wort „umschrieben“ bedeutet hier, dass die Fertigkeiten im Lesen und/oder Schreiben deutlich unter dem Niveau liegen, das aufgrund des Alters, der allgemeinen Intelligenz und der Beschulung eigentlich zu erwarten ist. Das ist die Definition, die auch im internationalen Klassifikationssystem für Krankheiten (ICD-10) angeführt ist.

 

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass eine umschriebene Lese-Rechtschreibschwäche nur dann vorliegt, wenn die Schwierigkeiten nicht auf eines der folgenden Kriterien zurückgeführt werden können (vgl. Schulte-Körner 2004):

  • kein ausreichender Schulbesuch
  • Intelligenzminderung bzw. nicht ausreichende kognitive Fähigkeiten
  • neurologische Erkrankungen
  • psychische Erkrankungen
  • mangelhafte Beherrschung der gesprochen Sprache
  • visuelle Schwierigkeiten

 

 

Begriffs-Abgrenzung:

 

Die Begriffe Umschriebene Lese-Rechtschreibstörung und Legasthenie haben dieselbe Bedeutung. Diese Begriffe werden verwendet, wenn entweder eine isolierte Störung des Lesens vorliegt oder wenn eine Störung im Lesen und im Schreiben vorliegt.

Es gibt aber auch Fälle, in denen eine isolierte Störung des Schreibens vorliegt. In diesen Fällen spricht man von einer Isolierten Rechtschreibstörung.

Auch die Begriffe Lese-Rechtschreibschwäche, Leseschwäche und Rechtschreibschwäche werden verwendet. Diese benützt man, um eine Beeinträchtigung zu kennzeichnen, die nicht dem Grad einer Störung entspricht. Die Begriffe Störung und Schwäche stellen somit im Grunde nur unterschiedliche Schweregrade derselben zu Grunde liegenden Beeinträchtigung dar. Deswegen gelten die Informationen auf dieser Homepage sowohl für Lese-Rechtschreib-Störung als auch für Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Ursachen der Legasthenie

 

Das Auftreten einer Legasthenie kann nicht auf eine einzige zu Grunde liegende Ursache zurückgeführt werden. Vielmehr können unterschiedliche Faktoren zum Entstehen einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) beitragen:

Eine wichtige Rolle spielen genetische Faktoren und neurobiologische Ursachen (z.B. Störungen der sprachlichen oder der visuellen Wahrnehmung, besondere Hirnfunktionsweisen). Neuropsychologische Ursachen (z.B. Schwächen in der phonologischen Bewusstheit oder im verbalen Kurzzeitgedächtnis) können ebenfalls zum Entstehen einer Legasthenie beitragen. Umwelteinflüsse (wie z.B. die schulische oder die familiäre Situation) haben eine wichtige Bedeutung für die Art und Weise, wie mit einer Lese-Rechtschreibschwäche umgegangen wird.

 

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 Abb. 1 Ursachen für die Entstehung einer Legasthenie (in Anlehnung an Schulte-Körne 2004)

 

 

Genetische Faktoren

 

Legasthenie tritt oft familiär gehäuft auf. Bei etwa der Hälfe der Kinder mit LRS gibt es noch ein weiteres Familienmitglied, das ebenfalls Legastheniker ist. Das Risiko für ein Geschwisterkind eines legasthenen Kindes ebenfalls eine LRS zu entwickeln, ist um das dreifache erhöht (Warnke 2001).

Genetische Faktoren haben also tatsächlich eine große Bedeutung (Erblichkeitsziffer: 50 %). Man darf aber nicht vergessen, dass auch andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen, denn diese machen immerhin ebenfalls 50 % der Ursachenfaktoren aus (Schulte-Körner 2004).

 

 

Neurobiologische Ursachen


Wahrnehmung von sprachlichen Lauten:unknown

Einigen Personen mit Lese-Rechtschreibschwäche fällt es schwer, sprachliche Laute akustisch rasch und fehlerfrei zu erkennen und zu unterscheiden. Diese Schwäche ist in besonderen neuronalen Funktionsweisen begründet: So konnte gezeigt werden, dass sprachliche Reize bei Personen mit Legasthenie in bestimmten Bereichen des Gehirns (akustischer Cortex = Zentrum für auditive Wahrnehmung) weniger Gehirnaktivität erzeugen als bei Personen mit ungestörtem Schriftspracherwerb.

Diese neurobiologisch bedingte Schwäche hat eine große Bedeutung, da gerade das rasche und fehlerfreie Erkennen sprachlicher Laute eine wichtige Voraussetzung für einen ungestörten Erwerb von Lesen und Schreiben darstellt (Phonologische Bewusstheit).

 

Störungen der visuellen Wahrnehmung:

Legastheniker haben zwar keine allgemeine Beeinträchtigung in der visuellen Wahrnehmung, zeigen jedoch manchmal Schwierigkeiten in der visuellen Wahrnehmung von sprachlichem Material (Buchstaben, Wörter). Auch diesen Schwierigkeiten liegen besondere  Funktionsweisen des Gehirns zu Grunde: Neuronale Zentren der visuellen Wahrnehmung werden bei Legasthenikern nicht oder nur verspätet aktiviert (nach Schulte-Körne 2004).

 

 

Neuropsychologische Ursachen:

 

Phonologische Bewusstheit:

Personen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche zeigen häufig Schwächen im Bereich der phonologischen Bewusstheit, d.h. bei der Analyse, Differenzierung oder Kategorisierung von sprachlichen Lauten. Zu diesen Aufgaben zählen unter anderem:

  • das Unterteilen eines Wortes in einzelnen Silben (To-ma-te)
  • das Erkennen von Reimwörtern (Maus – Laus – Haus)
  • Lautsynthese (Was bedeutet /f/ - /isch/ ? - Fisch)
  • Lautanalyse (Hört man ein /e/ in Nashorn?)
  • Akustische Gliederung (Welche Laute hörst du in  „Oma“?)

Dieser phonologischen Verarbeitungsschwäche liegen neuronale Ursachen zu Grunde, das heißt es gibt gewisse Bereiche des Gehirns, die besondere Aktivitätsmuster bei solchen Aufgaben zeigen (Wernicke-Areal, Gyrus Angularis, Broca-Areal). Dies konnte gezeigt werden, in dem die Aktivität des Gehirns mittels Magnet-Resonanz-Tomographie gemessen wurde (Shaywitz 1998). Defizite in der phonologischen Bewusstheit wirken sich besonders schwerwiegend auf den Schriftspracherwerb aus. Deshalb ist ein frühes Erkennen solcher Schwächen (Früherkennung) und gegebenenfalls eine frühzeitige Förderung (Therapie) phonologischer Fähigkeiten besonders wichtig.

 

Gedächtnis:

Das Arbeitsgedächtnis ist für die Verarbeitung von Informationen verschiedener Art zuständig. Defizite im Arbeitsgedächtnis führen demnach dazu, dass Informationen nicht mehr so effizient verarbeitet werden können.

Bei Legasthenikern zeigen sich häufig Defizite im verbalen Arbeitsgedächtnis, das ist jener Bereich, in dem sprachliche Informationen verarbeitet werden. Zusätzlich hat eine Einschränkung dieser Kapazität auch schlechte Auswirkungen auf das Lesesinn-Verständnis.

 

Schneller lexikalischer Abruf:

Für das Lesen ist es wichtig, dass zwischen dem geschriebenen Wort auf dem Papier und der lautlichen Wortform eine automatisierte Verbindung etabliert wird, um die Flüssigkeit des Lesens zu gewährleisten. Mit anderen Worten: Ein schneller Abruf der Form aus dem Langzeitgedächtnis ist wichtig. In verschiedenen Untersuchungen (z.B. Mayringer & Wimmer 1999) konnte gezeigt werden, dass legasthene Kinder charakteristische Schwächen in diesem Bereich aufzeigen. Diese können den Erwerb vor allem des Lesens negativ beeinflussen.

 

 

Umwelteinflüsse:

 

Schule:

Der genaue Einfluss von schulischer Erziehung auf Legasthenie ist bisher erst wenig erforscht. Die Art der Beschulung kann aber einen wichtigen Beitrag dazu leisten, wie mit der Lese-Rechtschreibschwäche umgegangen wird.

Aktuelle Forschungsfragen betreffen hierbei vor allem die Art der richtigen Unterrichtsmethode (Ganzwortmethode vs. Buchstabenmethode, Möglichkeiten zu spezieller schulischer Förderung, Einfluss der Persönlichkeit des Lehrers).

 

Familie:

Das Wichtigste ist: Die Eltern sind nicht an der Legasthenie ihres Kindes schuld. Sie spielen jedoch eine sehr wichtige Rolle für die Art und Weise, wie mit einer Lese-Rechtschreibschwäche umgegangen werden kann.

Das Ausmaß an „positiver Unterstützung und Wärme“ (Klicpera & Gasteiger-Klicpera 1995) spielt eine wichtige Rolle, wobei auch wichtig ist, auf die Initiativen des Kindes positiv zu reagieren, um so einer raschen Frustriertheit des Kindes vorzubeugen. Auch der Einfluss der Eltern auf die schulische Entwicklung der Kinder ist nicht zu unterschätzen: So können die Erwartungen sowie die Einstellung der Eltern den weiteren schulischen Verlauf sowie die Lernmotivation des Kindes stark beeinflussen.

Für betroffene Kinder ist es von großem Vorteil, wenn das schulische Lernen durch die Eltern unterstützt wird. Besonders Kinder im ersten Schuljahr profitieren auch sehr vom  Vorlesen von anregenden Büchern.

Begleiterscheinungen und weitere Entwicklungen

 

Bei Kindern mit Legasthenie besteht häufig eine psychosoziale Begleit- und Sekundärsymptomatik, die die Legasthenie-Symptomatik noch weiter verstärkt oder zu Beeinträchtigungen der psycho-sozialen Gesundheit führen kann. Dieses Kapitel informiert sie über folgende Bereiche:

 

 

Begleitsymptomatik 1: AD(H)S

 

Ungefähr 15-25 % aller Kinder mit Legasthenie haben Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeits-Steuerung und/oder in der Impulskontrolle (Schulte-Körne 2004, Holzinger et al 2007). Bei einer besonders starken Ausprägung spricht man in diesem Fall von AD(H)S (Aufmerksamkeits-Defizit (und Hyperkinetische) Störung). Es gibt drei große Problembereiche für Kinder mit ADHS.

 

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Derartige Schwierigkeiten wirken sich negativ auf das Lernen aus und können die Lese-Rechtschreib-Probleme zusätzlich verschärfen. Daher ist das frühzeitige Erkennen einer Störung im Bereich Aufmerksamkeit/Hyperaktivität besonders wichtig.

 

 

 

Sekundärproblematik 1: Emotionale Störungen

 

Unter dem Begriff „emotionale Probleme“ versteht man Auffälligkeiten wie etwa ein niedriges Selbstwertgefühl, Lustlosigkeit, depressive Reaktionen, dissoziale Verhaltensweisen oder Rückzugsverhalten.

Bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche kommt es doppelt so häufig zu emotionalen Schwierigkeiten wie bei anderen Kindern. In einer Studie am Institut für Sinnes- und Sprachneurologie (Holzinger et al 2007) wurde aufgezeigt, dass etwa 40% aller Eltern über emotionale Probleme ihres legasthenen Kindes berichten. Den Beurteilungen von Lehrern zufolge zeigen zudem rund 13 % aller Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche Probleme im Peer-Verhalten, das bedeutet auffälliges Verhalten im Umgang mit Gleichaltrigen.

 

 

Sekundärproblematik 2: Psychosomatische Störungen
 

Der Begriff „psychosomatische Erkrankung“ bezeichnet körperliche Beschwerden, die nicht auf eine organische Ursache zurückgeführt werden können. Häufige psychosomatische Störungen sind Kopfschmerzen (z.B. ausgelöst durch Stress) oder Bauchschmerzen (z.B. ausgelöst durch Angst).

Solche Beschwerden können bei einigen Kinder mit Legasthenie auftreten, besonders wenn Deutsch-Schularbeiten oder Ansagen vor der Tür stehen. Diese Beschwerden können manchmal die ersten Hinweise auf das Bestehen einer Legasthenie sein! Auffällig ist, dass diese Beschwerden in der schulfreien Zeit nicht auftreten.

 

 

Weitere Entwicklung

 

Wie alle Menschen zeigen auch Menschen mit Legasthenie völlig individuelle Entwicklungsverläufe. In mehreren großen, internationalen Studien wurde jedoch nachgewiesen, dass Kinder, die zu Beginn der Einschulung Schwierigkeiten im Lesen und / Schreiben zeigen, nur wenig Chancen haben, diese Schwierigkeiten ohne gezielte Intervention zu überwinden.

In der Wiener Längsschnittuntersuchung (Klicpera & Gasteiger-Klicpera 1993) wurde gezeigt, dass nur ganz wenige Kinder, die am Ende der ersten Klasse noch deutliche Schwierigkeiten im Lesen hatten, diesen Rückstand bis zum Ende der 8. Schulstufe (4.Klasse Hauptschule bzw. 4.Klasse Gymnasium) aufholen konnten. 

 

Die Lese-Rechtschreibschwäche kann auch negative Einflüsse auf die weitere persönliche und sozio-ökonomische Entwicklung haben. Einerseits erreichen Jugendliche mit einer LRS – verglichen mit Jugendlichen mit den gleichen kognitiven Fähigkeiten ohne LRS – weniger häufig einen Gymnasialabschluss. Legastheniker erreichen dementsprechend auch seltener ein Berufsausbildungsniveau, das ihren wahren Fähigkeiten entspricht (Strehlow et al. 1992) und die Arbeitslosenrate ist deutlich erhöht (Esser et al. 2002). Mittlerweile ist das Bewusstsein für Legasthenie als neurobiologische Erkrankung aber schon viel größer geworden. Schüler mit nachgewiesener Lese-Rechtschreib-Schwäche profitieren dabei von einer fairen Leistungsbeurteilung, bei der Noten nicht nur durch die Anzahl der Fehler bestimmt werden (siehe Legasthenie und Schule)

 

Erhöhtes Bewusstsein für das Krankheitsbild der Legasthenie ermöglicht den betroffenen Personen bessere Chancen. Man darf aber nicht vergessen, dass Legasthenie nicht eine vorübergehende Erscheinung des Kindes- und Jugendalter ist, sondern weitreichende Auswirkungen auf die gesamte weitere Entwicklung haben kann. Daher ist die Diagnostik und die gezielte therapeutische Intervention (Förderung) von zentraler Bedeutung.

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